Die Kraus'sche Theorie des Unterrichts
"Ja, entweder ihr macht's, oder ihr macht's nicht!" sagt Herr Kraus, wirft noch einen Blick, den man als kritisch-gelangweilt interpretieren könnte, quer durch die Klasse, grinst über leicht verwirrte Schülergesichter, und verlässt den Raum. Was man hier auf den ersten Blick als desinteressiertes Verhalten eines Lehrers, der weder sein Ziel, nämlich das konstruktive Vermitteln des Unterrichtsstoffs, noch diesen selbst wirklich ernst zu nehmen scheint, auslegen könnte, ist tatsächlich genau das Gegenteil... Zugegeben, auch einige von uns verkannten anfangs diese uns bisher fremde Art Unterricht zu gestalten: Das zeitweilige Fehlen von Tafelbildern wurde bemängelt, auch das nochmalige Hinschreiben der komprimierten Buch-Fachbegriffe, von unübersichtlichen Themensprüngen und abschweifenden Diskussionen war die Rede. Das widersprach natürlich unseren langjährig geSCHULten Erfahrungen, die nach gegliedertem, durchorganisiertem "Lernen" verlangten. Nicht selten kam es so zu 'handfesten' Auseinandersetzungen, die von offenherzigen Beschimpfungen bis zum gegenseitigen Bewerfen mit Unterrichtsgegenständen nichts ausliessen. Und das Ganze begleitet von einem süffisant-wissenden Lächeln unseres PäPsy -Lehrers: "Take it easy, baby!" Damals hatten wir's noch nicht kapiert, könnten wir es doch viel "einfacher" haben! So wie in Mathe und Bio zum Beispiel: Hier kann man alles schön vorgekaut ohne viel Nachdenken von der Folie abschreiben (denn davon lernt man ja bekanntlich sehr viel) und kann es sich dann, zumindest bei Bio, bis zur nächsten Schulaufgabe wunderbar schnell, auswendig reinpauken, um es danach noch schneller wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis zu verabschieden. --Manch mitdenkende/r Leser/in mag sich nun mit mir nach dem Sinn dieser Art Lernen-für's-Leben fragen...............aber traditionsbewußte Pädagogik hinterfragen?...Nein!-- Und dann kommt einer daher und erwartet von uns Fähigkeiten wie Selbständigkeit und Eigenmotivation oder die ehrliche Selbsteinschätzung - was wir aber erst Monate nach Schuljahresbeginn begriffen - und gibt uns Hausaufgaben zwar 'nur' zum Wochenende auf, bis 12 Uhr mittags als e-mail auf seinem PC,dann aber richtig! Es verstrichen noch einmal Wochen bis uns ansatzweise die Vorteile einer so unterschiedlichen Unterrichtsmethode und eines so aussergewöhnlichen Lehrer/Schülerverhältnisses einleuchtete: Denn gerade in Pädagogik/Psychologie müssen die verschiedenen Theorien und Themenbereiche zusammenhängend begriffen und daher immer wieder miteinander verknüpft oder verglichen werden. Sogenannte ‚Themensprünge' helfen in dem Fach die Inhalte in Beziehung zu setzen und allumfassend anzusehen. ‚Abschweifende Diskussionen' machen den Unterricht nicht nur spannender und individueller und üben den Umgang mit neuen fachspezifischen Ausdrücken, sondern lassen auch so manch tieferen Inhalt verständlich werden. Leider muss immer wieder an den interessantesten Stellen abgebrochen werden: Denn der Lehrplan,entworfen vom KuMi, sieht keine solch grundliegenden Debatten vor und macht deswegen derart enge Zeitvorgaben, dass man sich eine so tiefe Auseinandersetzung mit dem Stoff nicht erlauben kann. Krausis Kommentar an diesem Punkt: "Hier können wir erst im 3./4. Semester Sozialpädagogik weiter diskutieren!" ‚Hausaufgaben am Wochenende'! Das klingt erstmal ätzend, aber es spart kostbare Zeit an den ohnehin schon überfüllten Nachmittagen und man kann sich einmal intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen. Sogar ‚fehlende Tafelbilder' haben ihren Sinn, denn eigenes Mitdenken und individuell ausformulierte Mitschriften sind ein Barometer für das Verstehen des Inhalts und unterstützen das Erinnerungsvermögen erfolgreicher als monoton kopierter Kompost (Biomüll). Alles in allem ist es eine Art des Lernens, die nicht nur auf das fotografisch arbeitende Kurzzeitgedächtnis und das hastige Pauken auf die nächste Prüfung ausgerichtet ist, sondern dem Schüler den Stoff so fundamental nahe bringt, dass er diesen auch noch viel später (vielleicht im Studium oder im "richtigen Leben") anwenden kann. Als Beweis dafür, dass die Kraus'sche Methode auch noch bessere schulische Ergebnisse zur Folge hat, dient ein Vergleich der Notendurchschnitte von diesjährigen Bio-, Mathe- und PäPsy-Schulaufgaben! Als krönender Abschluss wird kurz vor den Prüfungen ein ‚extrem-abi-weekend' eingelegt, an dem alles Nötige nochmals dicke reingepaukt wird. Und das nicht in der Schule, denn die kann zu diesem Zeitpunkt wirklich niemand mehr sehen, sondern umrahmt von grünen Bergen, einem idyllischen Häuschen und einer abendlichen Gemütlichkeit bis in die Nacht. Eintrittskarte für diesen Psychotrip ist allerdings die 80%ige Bearbeitung aller übers Jahr gestellten Hausaufgaben! Also, liebe Schülerinnen und liebe Schüler des zukünftigen sozialen Zweigs, freut Euch darauf, dass Euch zumindest in diesem Fach zugetraut wird, was Ihr wirklich draufhabt!
Max Alberti FOS 12 s